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Erfolgreiche Brückenbauer zwischen den Generationen

Erfolgreiche Brückenbauer zwischen den Generationen

Mit Kultur Brücken bauen – das will die Initiative KULTURISTENHOCH2. Sie ermöglicht Senior*innen, die nur wenig haben, Kulturabende ganz nach Wunsch und stellt ihnen junge Oberstufenschüler an die Seite. Ein Projekt, das es wert ist, besonders gefördert zu werden, hat auch die Jury des Kulturpreises „Power of the Arts“ befunden und das Projekt ausgezeichnet.

Bild: Imagefoto KULTURISTENHOCH2

Hamburg. Hamed ist ein bisschen aufgeregt. Der 18-Jährige steht vor einer Haustür in Barmbek-Süd und wird gleich bei Frau Precht klingeln – einer alten Dame, die er noch nie zuvor gesehen hat. Die beiden haben heute Abend ihr erstes Date: eine Verabredung ins Ernst-Deutsch-Theater. Hamed ist Oberstufenschüler am Hartwig-Hesse-Gymnasium in Winterhude und wird heute an der Seite der alten Dame sein.

Dass das ungleiche Paar gemeinsam einen Kulturabend erleben kann, hat die Initiative KULTURISTENHOCH2 möglich gemacht. Denn eigentlich kann sich Frau Precht einen Besuch im Theater nicht leisten. Oder einen Konzertabend in der Laeiszhalle: „Früher bin ich sehr gern unterwegs gewesen, aber heute habe ich für so etwas kein Geld übrig. Das ist bei meiner kleinen Rente einfach nicht drin“, gesteht sie. Umso mehr freut sie sich über die Karten für ihren Wunsch-Theaterabend, die KULTURISTENHOCH2 in Kooperation mit dem Verein KulturLeben Hamburg organisiert hat.

Bild: Hamed und Frau Precht im Theater – © Kerstin Graupner

Bevor sich die beiden auf den Weg machen, will Frau Precht ihren jungen Begleiter aber erst einmal kennen lernen. Sie hat den Abendbrottisch gedeckt, bei Tee und Schnittchen kommen der junge Mann und die alte Dame schnell ins Gespräch. Beide finden sich sympathisch und freuen sich auf den Abend. Für Hamed ist die Begegnung mit älteren Menschen nichts Ungewöhnliches: „Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen. Ich finde es cool und spannend, mich mit alten Menschen zu unterhalten und gemeinsam mit ihnen ins Theater zu gehen. Da findet ein ganz anderer Austausch statt, mit Jüngeren sind die Gespräche anders.“

Der junge Mann ist gut vorbereitet, wenn es darum geht, mit einem älteren Menschen, der vielleicht sogar körperlich eingeschränkt ist, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seinem Wunsch-Kulturabend zu fahren. Denn bevor Hamed sein erstes Treffen hatte, bekam er bei KULTURISTENHOCH2 eine umfangreiche Schulung zum Thema „Leben im Alter“. Gemeinsam mit all den anderen Oberstufenschülern aus seinem Jahrgang, die bei KULTURISTENHOCH2 ehrenamtlich mitmachen, hat er ganz praktisch viel darüber gelernt, mit welchen Handicaps Ältere umgehen müssen, wenn sie aktiv werden und unter Menschen kommen wollen.
Besonders eindrucksvoll war für alle der Simulationsanzug, in dem die Schülerinnen und Schüler hautnah der Last des Alters nachspüren konnten: Wie fühlt es sich an, wenn die Augen schlecht werden oder das Gehör versagt? Wie hoch sind auf einmal die Treppenstufen in den Bus, wenn der Körper nicht mehr so will wie man selbst? Hamed kennt sich jetzt mit den Problemen, die alte Menschen haben, viel besser aus. Deshalb bleibt er auch den ganzen Abend an der Seite von Frau Precht, damit sie sich sicher fühlt und ihren Abend genießen kann.

Angekommen im Ernst-Deutsch Theater erleben die beiden eine spannende und aufwühlende Vorstellung. „1984“ von George Orwell wird gegeben. „Ein Stück, das auch heute noch unglaublich aktuell ist“, stellen die beiden im Nachhinein fest. Gemeinsam gehen die alte Dame und der junge Schüler in die Nacht hinaus. Hamed wird Frau Precht sicher wieder nach Hause begleiten. „Es war eine sehr schöne Begegnung. Ich würde mich freuen, wenn ich mehr Kontakt mit jüngeren Menschen hätte, insofern bin ich froh, dass ich über KULTURISTENHOCH2 Gelegenheit dazu habe“, sagt Frau Precht später. Überhaupt findet sie, dass es zu wenig Kontakt zwischen Jung und Alt gibt: „Ich würde mir wünschen, dass es ganz normal wird, das Menschen aus den verschiedenen Generationen zusammen sind und sich gegenseitig helfen.“

Möglich gemacht hat diesen Abend KULTURISTENHOCH2. Das Generationenprojekt hat erkannt: Kunst und Kultur können zwischen Jung und Alt Brücken bauen. Die Initiative wendet sich an Senior*innen, die nur eine kleine Rente haben und/oder körperlich stark eingeschränkt sind. Sie sind meistens außen vor, wenn es darum geht, an der Gesellschaft teilhaben zu können: „Es gibt in Hamburg erstaunlich viele ältere Menschen, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen und sich noch nicht mal eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen im Café leisten können“, berichtet Christine Worch, die das Projekt ins Lebens gerufen hat und mit einem kleinen Team dafür sorgt, dass auch diese Menschen ab und zu den Luxus eines Theater- oder Konzertabends genießen können.

Immer mehr von ihnen entdecken das Angebot von KULTURISTENHOCH2, das sowohl für die Senior*innen als auch für die Oberstufenschüler aus ihrem Stadtteil von der Fahrkarte bis zum Getränk in der Pause komplett kostenlos ist. Das Generationenprojekt finanziert sich allein aus Spenden und der Unterstützung von Sponsoren: „Ohne den Verein KulturLeben Hamburg wäre unsere Arbeit allerdings überhaupt nicht möglich“, stellt Christine Worch klar.

Ihr Projekt und ihr Engagement für eine offenere Gesellschaft überzeugt. Dies zeigt auch die Auszeichnung „The Power of the Arts“, dem Kulturpreis der Phillip Morris Stiftung, mit dem KULTURISTENHOCH2 geehrt wird. Die Jury, bestehend aus Kulturschaffenden wie dem Rapper Samy Deluxe, der Autorin und Unternehmerin Diana Kinnert und dem Schauspieler Clemens Schick, zeichnete in diesem Jahr bundesweit vier Initiativen mit einem hochdotierten Geldpreis aus. Ihre Entscheidung begründete sie folgendermaßen: „Diese Initiative ermöglicht einen niederschwelligen Zugang zu Kultur und fördert generationsübergreifende Begegnungen. Ohne moralische Bewertung werden die Teilnehmer*innen in ihrem oftmals isolierten und einsamen Alltag abgeholt und Jugendliche ermutigt, unsere Gesellschaft aktiv mitzugestalten.“

Weitere Informationen unter: www.kulturisten-hoch2.de