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Das Buch, das nicht erschien: „Die Himmelblauen Berge“

Das Buch, das nicht erschien: „Die Himmelblauen Berge“

Es ist alles sehr merkwürdig: Da kommt ein Autor namens Sosso in den Verlag, um mit Verleger und Lektoren über seinen Roman zu sprechen, der bald erscheinen soll. Aber: Niemanden scheint das zu interessieren. Kein Verlagsmitarbeiter hat den Text gelesen, die meisten wissen nicht, wo sich das Manuskript befindet, und behaupten, sie hätten es längst weitergereicht. Manche sagen, sie hätten davon nie gehört, andere lassen sich schlicht und einfach verleugnen. Und je länger diese merkwürdige Szene andauert, umso mehr erhärtet sich der Verdacht, dass das Ausweichen vor Entscheidungen und, ganz generell, das Umgehen von Arbeit das leitende Prinzip dieses absonderlichen Verlags darstellen. Auf jeden Fall fragt man sich, wie dort auch nur ein einziges Manuskript zu einem fertigen Buch werden soll.

Die Geschichte von Sosso, seinem niemals fertig werdenden Roman und den Geschehnissen in dem Verlag erzählte der georgische Autor und Dramaturg Reso Tscheischwili bereits 1980 in seinem Buch „Die Himmelblauen Berge“ – so übrigens auch der Arbeitstitel jenes Textes, den die Hauptfigur Sosso verfasst hat. Auf Basis dieser Story entstand 1983 ein Film, der in der Sowjetunion ein großer Erfolg wurde und bis heute zum Kanon des georgischen Filmschaffens zählt. Dass man den Roman nun auch in der deutschen Übertragung von Julia Dengg und Ekaterine Teti lesen und damit dem Wirtschaften im Staatssozialismus nachspüren kann, verdanken wir einerseits dem Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018, andererseits dem kleinen Berliner Verlag Edition Monhardt, der das Wagnis einer Veröffentlichung für das deutschsprachige Publikum eingegangen ist. Mit ein wenig Ironie lässt sich sagen, dass Monhardt in diesem Punkt dem fiktiven Verlag in Tscheischwilis Roman um Lichtjahre voraus ist.

A propos Ironie: Wer sich bei der Lektüre empfänglich für ironische Formulierungen zeigt, wird bei „Die Himmelblauen Berge“ auf seine Kosten kommen. Als Beleg mag diese Passage dienen, in der ein weiterer hoffnungsvoller Autor seine Sammlung von Fabeln veröffentlicht sehen möchte. Irgendjemand muss ihm zugeraten haben, seine Texte dem Verlag vorzulegen, irgendjemand wird ihm einen Termin in Aussicht gestellt, zumindest aber ihm die Eingangstüre geöffnet haben. Auf jeden Fall steht er jetzt da mit seinem Anliegen, bekommt allerdings wenig Konkretes zur Antwort.

„Verzeihung, ich bitte vielmals um Entschuldigung, ich bin in der Fabel-Angelegenheit da…“, kommt der fabelschreibende Bürger gleich zur Sache und schafft es weder einzutreten noch umzukehren. „Sie müssen sich an den Direktor wenden“, sagt Bela zu dem Unbekannten. „Ich warte seit der Früh, verzeihen Sie, dass ich Sie aufhalte, ich entschuldige mich für die Störung, aber vielleicht lohnt es sich gar nicht, wird er die Fabeln denn annehmen?“ „Annehmen nicht, aber er wird Sie nicht abweisen.“ Mit zusammengekniffenen Augen begleitet sie den damit schon völlig zufriedenen Unbekannten hinaus. „Ich bin ihnen dankbar, vielen herzlichen Dank!“

Der Arbeitsalltag bleibt im Ungefähren, keine der handelnden Figuren wagt es eine Entscheidung zu treffen. Statt dessen leben sie alle ihre eigenen Fixierungen aus: Einer fragt ständig, ob die Mitarbeiter des Verlagskollektivs in diesem Jahr eine Prämie erhalten werden. Ein anderer ist eingeschnappt, weil ihm niemand glaubt, dass er im Krieg als Panzerfahrer gedient hat. Wieder ein anderer nimmt bereitwillig alle Arbeitsaufträge an, findet dann aber bei jeder Rückfrage, wann er es denn erledigt haben wird, eine Ausrede, weshalb es heute, morgen, übermorgen, nächste Woche und so weiter völlig unmöglich sein wird.

Der Verlag in Reso Tscheischwilis Roman ist ein faszinierendes dysfunktionales System. An keiner Stelle des Textes erfüllt das System den Zweck, für den es erschaffen wurde. Es gelingt ihm mit Ach und Krach, sich selbst zu erhalten. Währenddessen nagt der Zahn der Zeit am Gebäude, es erschüttern die Bauerarbeiten an der Untergrundbahn die Statik, es strapazieren die Motorradfahrer auf der Freifläche hinter dem Verlag die eh‘ schon blank liegenden Nerven der Mitarbeiter. Was Tscheischwili vor fast 40 Jahren geschrieben hat, war in den ersten Jahren nach der Entstehung eine hinterlistige Satire auf den Alltag in einem Staatsbetrieb einer sowjetischen Großstadt, bei deren Lektüre die Leserinnen und Leser der 80er Jahre ebenso wissend wie befreit auflachen konnten. Für die Nachgeborenen auf dem Gebiet, das einst die Sowjetunion war, für die Georgier von heute und bis zu einem gewissen Grad auch für uns Zaungäste in Zentraleuropa bietet der Roman einige sehr spezielle Einblicke: zum Beispiel in die Auswirkungen des Wirtschaftens inmitten des Mangels und in die lähmende Furcht vor Fehlern, die ohne weiteres den Arbeitsplatz, die Stellung in der Gesellschaft, in manchen Fällen vielleicht auch die Freiheit kosten konnten. Und man möchte aus heutiger Sicht fast meinen, als hätte der Autor den Weg in das Ende der UdSSR bereits vorausgeahnt, als er formulierte:

In der Mansarde, wo früher der Zeichenraum war, herrscht ein heilloses Durcheinander. Gipstorsos, offene Blechbüchsen, eine farbbekleckste Staffelei und andres Gerümpel liegen in der Ecke herum, der Fußboden ist von dicken Papierfetzen bedeckt. Auf einem langen und schmalen Holztisch haben Sosso und Bela die Papierbögen ausgebreitet. Sie schneiden, heften und kleben im Licht der am Kabel zum Tisch herunterbaumelnden Glühbirne. Sosso lässt die Arbeit bleiben, schaut durchs Fenster und betrachtet die Wände und Fenster des pseudoklassischen Gebäudes. Es ist Nacht geworden. Der viereckige Hof liegt im Dunkeln. Am Himmel stehen die Sterne. Im ausgeleuchteten Zimmer des Direktors sind die Mitarbeiter im Zigarettenqualm zu Schemen ergraut.

Der Verfall gesellt sich zur Ineffizienz, und die Personen agieren so, als wären sie gar nicht da. Und all das wird erzählt in einem einzigen langen Strom von kurzen, unmittelbar aneinandergeklebten, -gehefteten Szenen. Man könnte sie mitunter anders zusammensetzen – das Ergebnis wäre genauso viel Verfall, genauso viel Ineffizienz. Nur beiläufig erfährt man aus eingestreuten Beschreibungen einer Szene, dass die Jahreszeit gewechselt hat, dass also wiederum Zeit vergangen ist, ohne dass sie irgendwie genutzt worden wäre. Es hat sich lediglich mehr von demselben Nichts ereignet, das einen belustigt, aber auch ungläubig zurücklässt.

Das schönste Bild, das Tscheischwili für den Stillstand gefunden hat, ist tatsächlich ein Bild. Ein offensichtlich großes Gemälde, auf dem eine grönländische Landschaft zu sehen ist. Von Zeit zu Zeit betrachten die Figuren die riesige weiße Leere. Eigentlich sollte dieses deprimierende Bild längst abgehängt werden. Aber Sie ahnen es: Es bleibt hängen, den ganzen Roman lang.

Rezension: Thomas Völkner

Reso Tscheischwili: Die Himmelblauen Berge
Berlin: Edition Monhardt 2018
160 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-9817789-2-2

Bild: Buchverkauf aus dem Auto heraus / Szene aus Batumi, Georgien (Juni 2018) © Maria Völkner