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Mal altersweise, mal politisch engagiert – Neue Gedichte von Rüdiger Stüwe

Mal altersweise, mal politisch engagiert –
Neue Gedichte von Rüdiger Stüwe

Rüdiger Stüwe ist mit seinen Gedichten und Kurzgeschichten gewissermaßen ein Fachmann für feine Alltagsbeobachtungen und für Reflexionen über die menschliche Existenz. Neben seinem Brotberuf als Lehrer begann Stüwe vor über 30 Jahren mit dem literarischen Schreiben, das er auch nach der Pensionierung aufrecht hält. So entstanden und entstehen lebensnahe kleinen Texte, die er bislang in einem halben Dutzend Büchern der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

2018 ist ein neuer Band mit Gedichten und Aphorismen unter dem Titel „Global ins Affental“ erschienen, der rund 100 Kurz- und Kürzesttexte umfasst.

Stüwes Lyrik kreist häufig um Eigenes, um Persönliches, möglicherweise Selbsterlebtes: Mal reist in den Texten ein gealtertes Ich zurück in die Vergangenheit, etwa an den Beginn einer Liebe, ein andermal spricht eine Opastimme zu einem Enkel oder Urenkel. Dann wieder bedenkt das gebildete Senionen-Ich das Älterwerden, und zwar nicht ohne Seitenblick auf Literatur und Kulturgeschichte:

Noch immer / sehe ich mich / hoch zu Ross / Windmühlenflügel / bekämpfend doch / meine Figur / ähnelt schon lange / Sancho Pansa.

Mitunter spielt der Autor mit dem Klang von Begriffen, zum Beispiel wenn er sich das Wort „Pontifikat“ vornimmt und dann lauter Anagramme, also Neuanordnungen der Buchstaben des Wortes, daran anschließt. Wer der Meinung ist, „Pontifikat“ selbst klinge schon irgendwie lustig, sollte erst die gesamte Litanei von Pontifikat-Variationen einmal laut vorlesen!

Im zentralen Teil des Buches kommt die politisch-gesellschaftliche Autorenstimme zu Wort. Stüwe schlägt einen durchaus engagierten, dabei auch altersweisen oder altersmilden Ton an. Seine Gedanken gehen zu den Flüchtenden unserer Tage und zu jenen aus der Nachkriegszeit. Er spottet über Donald Trump, mahnt vor jenen modernen Ärzten, in deren Fokus nicht die Patienten, sondern das Gewinnstreben steht, und prangert die Unentschlossenheit so mancher Politiker an:

Bilden wir erst einmal eine Kommission: / Die macht das schon, dann wird das schon. / Schnellschüsse sind doch meist daneben, / damit rettet man kein einziges Leben. / Wir warten jetzt in Ruhe ab, / (Das Mittelmeer wird zum Massengrab.)

Rüdiger Stüwe bringt seine Gedanken nicht nur leicht, teils lakonisch, teils humorvoll auf den Punkt. Er strukturiert die Texte des Buches auch auf eine Weise, als würde man durch die Gesamtkomposition hindurch ein heiteres Augenzwinkern entdecken: Es gibt sechs Kapitel, die ihrem Titel nach alphabetisch sortiert sind, und die einzelnen Gedichte stehen wiederum pro Kapitel in alphabetischer Reihenfolge. Dass trotz dieser bibliothekarisch-klaren Struktur eine Reihe von inhaltlichen Bögen und Querverbindungen zwischen den Texten aufblitzen, erstaunt und beglückt zugleich.

Rezension: Thomas Völkner

Rüdiger Stüwe:
Global ins Affental
Bremen: Donat Verlag 2018
ISBN 978-3-943425-71-0
96 Seiten – Hardcover – 12 Euro

Bild: Rüdiger Stüwe © Rüdiger Stüwe