HLR-Aktuell

BUCHNOTIZ

BUCHNOTIZ

Über die Schöpferinnen der Helden unserer Kinderbücher –
Ein Buch stellt berühmte Kinderbuchautorinnen vor

Hand auf’s Herz! Wer waren die Helden Ihrer Kindheit? An welche Romanfiguren der ersten Lesejahre erinnern Sie sich? Welche abenteuerlustigen Mädchen wollten Sie als Freundinnen haben? Welche draufgängerischen Jungs waren Ihre Vorbilder? Wie lauteten die Titel der Bücher, die Sie mehrfach verschlungen oder immer wieder auf’s Neue aus der Bibliothek ausgeliehen haben?

Vielleicht liegen die Bücher von damals gut verpackt in einer Kiste auf dem Speicher. Vielleicht haben Sie sie an die eigenen Kinder vermacht oder ihnen einen Ehrenplatz im Bücherregal gegeben. Wie dem auch sei – die Jugendbuchliteratur des späten 19. und des 20. Jahrhunderts liefert den heute 40-, 50-, 60-Jährigen und auch den noch älteren Menschen bis heute unzählige verbindende Leseerfahrungen. Das ist ein wunderbarer Aspekt des Lesens von Büchern: Das Einverständnis von unzähligen Leserinnen und Lesern über gemeinsam mit den literarischen Helden durchlebte, durchlittene Abenteuer.

„Das Land der Kindheit wie auch die Landschaften der Jugend sind dem Erwachsenen einerseits sehr fern und – scheinbar – unzugänglich, da schon lange verlassen; andererseits sind sie nicht zuletzt Sehnsuchtsorte, in die man zuweilen zurückkehren möchte, wenn man es denn könnte. Eine Möglichkeit der Rückkehr gibt es und diese beansprucht die Phantasie und fordert ein kurzfristiges Vergessen der jeweiligen Gegenwart: Es ist die Erinnerung an frühere Lesefreuden und Lektüreerfahrungen. Das ist nicht etwa Fortdauer der Kindheit, nicht Flucht und Vergangenes, das wie Verlorenes erscheint, sondern Erinnerung an das, was war und was wert wäre noch zu sein.“

Es ist ein nicht zu unterschätzendes Detail, dass viele Helden unserer Kindheit in Büchern auftreten, die von Frauen geschrieben wurden. Denken Sie nur an Astrid Lindgren und ihr umfangreiches Romanpersonal. Oder an die auf der ganzen Welt bekannte Heidi aus der Feder von Johanna Spyri. Oder an Cornelia Funke und J.K. Rowling mit ihren teils lebensnahen, teils zauberhaft-verwunschenen Figuren. Die Pädagogin und Autorin Luise Berg-Ehlers hat jetzt 27 Lebensgeschichten von Schriftstellerinnen zusammengetragen und sie mit knappen Abrissen ihrer wichtigsten Werke versehen. Herausgekommen ist ein schön gestalteter Text-Bildband mit dem Titel „Berühmte Kinderbuchautorinnen und ihre Heldinnen und Helden“. Mit Blick auf die Sozialgeschichte des vorletzten Jahrhunderts bietet die Autorin folgende Erläuterung, weshalb sie die Lebenswege und den literarischen Output von Autorinnen untersucht und die Männer der Zunft außen vorlässt:

„Schreiben war wie Erziehen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein die einzige Tätigkeit, die Frauen ohne Ansehensverlust ausüben konnten. So ergab es sich, dass vornehmlich Autorinnen, die zugleich Lehrerinnen oder Gouvernantinnen waren, Bücher für kleine und große Mädchen schrieben. Da blieb es nicht aus, dass man von ihnen Bücher erwartete, die junge Mädchen auf ihr zukünftiges Leben als Ehefrau, Hausfrau und Mutter vorbereiteten.“

Neben den Erinnerungen, die viele der gut zwei Dutzend Artikel insbesondere den Leserinnen verschaffen dürften, stehen eine Reihe spannender Erkenntnisse. So haben bereits im 19. Jahrhundert einige Autorinnen nicht länger jenes Bild bedient, welches von Mädchen und jungen Frauen galt. Statt dessen verließen sie ihre jeweiligen Komfortzonen und entwarfen moderne Mädchenfiguren, deren Handeln die Erwartungshaltung der Erwachsenen durchkreuzten: Diese Heldinnen, seien es Emmy von Rhodens Trotzkopf Ilse, die „Little Women“, bei uns bekannt als „Betty und ihre Schwestern“, von Louisa Alcott, die kleinen Abenteurer von Edith Nesbit und nicht zuletzt Pippi Langstrumpf, waren zu ihrer Zeit emanzipierter als das durchschnittliche Kind, das ihre Geschichten aufsog. Genau jene Texte, die ihrer Zeit voraus waren, sind bis heute relevant geblieben.

Luise Berg-Ehlers unterteilt ihr Buch in fünf thematische Felder, die glücklicherweise nicht allzu starr, sondern durchlässig sind. So taucht die Erfolgsschriftstellerin Enid Blyton mit ihren „Fünf Freunden“ im Kapitel „Ungewöhnliche Abenteuer“ auf. Aus einem etwas anderen Blickwinkel hätte man natürlich auch beim Thema „Mädchenfiguren“ über Blyton sprechen können – Hanni und Nanni lassen da grüßen! Ähnlich themenübergreifend gelingt die Reise über gut anderthalb Jahrhunderte hinweg und entlang der gesellschaftlichen Umwälzungen, die während dieser Zeitspanne zu vermerken sind und die in die neuen pädagogischen Ansätze der vergangenen 50 Jahre mündet. Über Christine Nöstlinger, die in mehr als 40 Jahren ein bemerkenswertes Romanpersonal erschuf, heißt es:

„Die jungen Mädchen in ihren Büchern sind so anders, als man es bis in die 70er Jahre gewohnt war; sie sind aufmüpfig, selbständig, kritisch, nicht selten erwachsener als ihre Eltern und auf der Suche nach einem unabhängigen Ich. Das brachte frischen Wind in die ‚Kinderbuchszene‘ und manche Kritik an Nöstlinger aus konservativen Kreisen. Es war der Beginn der ‚antiautoritären Erziehung‘ und die Autorin mittendrin.“

Am Ende des empfehlenswerten Bandes findet sich eine Auswahlbibliographie – als Gedankenstütze für unsere Erinnerungen und, was die Sekundärliteratur angeht, als Anregung zur vertiefenden Fachlektüre.

Rezension: Thomas Völkner

Luise Berg-Ehlers:
Berühmte Kinderbuchautorinnen und ihre Heldinnen und Helden
München: Elisabeth Sandmann Verlag 2017
156 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 24,95 Euro
ISBN 978-3-945543-27-6

Bild: Michel zieht Klein-Ida die Fahnenstange hoch / Darstellung im Astrid-Lindgren-Museum / Junibacken in Stockholm © Maria Völkner