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Chancen und Gefahren der Phantasie

Chancen und Gefahren der Phantasie
Eine Novelle aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018

Die georgische Autorin Naira Gelaschwili erzählt in ihrer empfehlenswerten Novelle „Ich fahre nach Madrid“ von einem Büroangestellten, der sich für kurze Zeit aus dem Alltagstrott ausklinken möchte. Was 1982, im Entstehungszeit des Textes, als Kritik an der Lebenswirklichkeit in der Sowjetunion gelesen werden konnte, lässt sich in unserer Zeit durchaus als Kritik an dem durchökonomisierten Alltag interpretieren. Der mögliche Ausweg – damals wie heute, in Georgien und überall – ist für die Autorin die Phantasie.

Sandro Litscheli ist ein Mann in der Lebensmitte, vom Typ her ein unauffälliger Büromensch, zuhause eine Frau und woanders in der Stadt eine Geliebte. Sandro hat sich in der Realität eingerichtet: Die 1980er Jahre haben gerade begonnen, er wohnt in Tbilissi, der Hauptstadt der georgischen Sowjetrepublik, zwar weit weg vom Zentrum der UdSSR und eben doch den repressiven Geboten, die aus Moskau kommen, ergeben. Sandro und seine Zeitgenossen leben auf einer Seite jener Demarkationslinie, die praktisch die gesamte Welt in Ost und West unterteilt. Trotz dieser klaren Verhältnisse hat Sandro einen Traum: Er möchte gerne einmal nach Madrid reisen. Er identifiziert sich mit Spanien und mit allem, was er von dort auf Bildern gesehen und in Texten gelesen hat.

Spanien, Madrid waren für ihn schon immer der Knotenpunkt all der weiten Wege, durch die die bunte Karte seines Traumes blau vernetzt war. In Madrid fühlte er sich zu Hause.

Ein Georgier im Staatssozialismus und sein Sehnen nach Madrid – nach einem Madrid, das das Produkt seiner Imagination ist und das als Chiffre für die Flucht aus der Enge des Alltags gelten kann. Diese Figur und sein Träumen stehen im Zentrum einer Novelle der georgischen Autorin Naira Gelaschwili. „Ich fahre nach Madrid“ lautet der Titel des kleinen, ungemein einnehmenden Textes, der bereits 1982 entstanden ist, gegen einige Widerstände in der Sowjetunion veröffentlicht werden durfte und nun auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Eines Tages meldet sich Sandro Litscheli bei seinem Chef und nimmt zwei Wochen Urlaub. Begründung: Er möchte verreisen. Nur erzählt er jedem und jeder von einem anderen Reiseplan. Mal meint er, er reise nach Sochumi am Schwarzen Meer, ein andermal behauptet er, seine Mutter liege im Sterben, dann wieder, er habe etwas in einer Provinzstadt zu erledigen, und einem Bekannten sagt er sogar, er fahre tatsächlich nach Madrid. In Wahrheit begibt er sich in ein Krankenhaus, wo ein Schulfreund aus längst vergangenen Tagen als Chefarzt praktiziert. Ihn bittet Sandro, er möge ihn ein paar Tage im Hospital aufnehmen. Ein kleines Zimmer sei völlig ausreichend. Nur ruhig müsse es sein.

Was mit mir ist? (…) Ich bin müde, vollkommen ausgelaugt… Habe ich denn kein Recht, einmal müde zu sein? Für eine Weile will ich einfach allein bleiben… Ganz allein (…) In der letzten Zeit weine ich oft, verstehst du? Ich weine. (…) Warum zum Teufel heule ich, das wüsst ich gern!

Ein Mensch in einer Krise, die sich auf seine Gesundheit auswirkt. Einer, dem man vielleicht Burnout attestiert hätte, wenn anno ’82 davon schon die Rede gewesen wäre. Was auf einer zweiten Bedeutungsebene mitschwingt, ist ebenso spannend:

Ein Mensch, der sich nicht zu 100 Prozent konform zur Doktrin verhält, der sich zwar nicht in Opposition zur realsozialistischen Gesellschaftsordnung stellt, allerdings jene Türchen kennt, durch die man der gewohnten Ordnung entfliehen kann, und sei es nur für eine bestimmte Zeit. Und noch eine dritte Ebene hat Naira Gelaschwilis kurzer Text: Er ist ein Loblied auf die Phantasie, dieses unendlich weite Feld jenseits der Realität, das für den Menschen so bedeutend ist.

Sandro Litscheli macht von seiner Phantasie jedenfalls regen Gebrauch: Er lernt spanische Lieder auswendig und stellt sich vor, er würde sie in Gegenwart von Muttersprachlern singen. Er setzt seine imaginierte Reise weit über die Iberische Halbinsel hinaus fort und fährt zu fernen Inseln im Pazifik. Er malt Bilder und fügt sie seiner ausgedachten Gemäldegalerie zu, komponiert im Kopf Melodien, die außer ihm niemals irgendjemand hören wird. An den Abenden erhält er Besuch von seinem Bekannten, dem Chefarzt. Die beiden essen und trinken genüsslich und erinnern sich an die gemeinsame Jugendzeit. Das ist einerseits etwas sehr konkretes. Aber sind andererseits solche geteilten Erinnerungen etwas anderes als Gedankenreisen quer durch die Zeitläufe?

Die beiden Hauptströmungen von Sandros Leben, sowohl die sichtbare (Arbeit, Familie etc.) als auch die unsichtbare (Reise etc.), flossen in einem von dem Stern mit Namen „Als ob“ beleuchteten Raum zusammen. Die erste Strömung, weil sie war und auch nicht war: da Litscheli nicht mit seinem ganzen Wesen an ihr beteiligt war. Die zweite aber gab es nicht, und es gab sie doch, weil sie den wesentlichen Teil seines Wesens erobert und fortgerissen hatte.

Nun heißt es über die Novelle, eines ihrer Merkmale sei ein plötzlicher dramatischer Wendepunkt. Tatsächlich erzählt Naira Gelaschwili nicht nur von einem zwar stillen, aber keineswegs unsympathischen Sonderling auf dem Weg, wieder Kraft für den so phantasiearmen Alltag zu schöpfen. Sie reflektiert nicht nur über das, was den Menschen einerseits als soziale, andererseits als phantasiebegabte Kreatur ausmacht. Gegen Ende des Textes kommt der Wendepunkt, der hier nicht verraten werden darf. Man mag in ihm einen erhobenen Zeigefinger sehen, der vor den Gefahren einer allzu großen Phantasie warnt. Oder aber der darauf hinweist, dass in einem autoritären System wie der Sowjetunion grundsätzlich alle, die von den normierten Abläufen abweichen, sich einer Gefahr aussetzen. Wie dem auch sei. Auf traurige Art unterhaltsam ist dieser abschließende Abschnitt des Textes genauso wie die gesamte Novelle!

Rezension: Thomas Völkner

Naira Gelaschwili: Ich fahre nach Madrid
Übersetzung: Lia Wittek und Mariam Baramidse
Novelle, 90 Seiten
Berlin: Verbrecherverlag 2018
ISBN 978-3-95732-308-8
16 Euro

Übrigens: Tipps für Literaturfans und Leseratten gibt es im Programm des Hamburger Lokalradios jeden Dienstag und Donnerstag ab 14:05 Uhr in der Rubrik „Buchnotiz“.

Bild : Impression von Tbilissi, © Maria Völkner